Das Spritzen von Copaxone

Nachdem ich eine Weile die (nach eigener Aussage des Arztes) umfassende Beratung, als nicht umfassend genug empfand und die Infos die ich zum Nutzen von Copaxone erhalten hatte, als reine Glaubensfrage verstand, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mich dem Glauben anschließen muss,


da es sich um die einzige eventuelle Möglichkeit handelt, den weiteren Fortschritt beeinträchtigender Symptome zu verlangsamen und vielleicht die elendsten Symptome, die es geben kann, gar nicht erleben zu müssen. Zeitgleich änderte sich auch meine Haltung zum Thema Spritzen von "indiskutabler Horror" zu "ich versuch's mal - hinwerfen kann ich's immer noch". Dass ich nicht das Spritzen an sich, sondern das Selbstspritzen als Horror empfand, war letztlich ja irgendwie verrückt.

Wichtig für den Wandel war sicher auch, dass die MS-Schwester, die mir nach dem Arzt Spritzen-Infomaterial gab und mir das Spritzen zeigen würde, sich warmherzig verhalten hatte, indem sie auf meine Äußerung: "Eher werfe ich mich vor einen Zug, als dass ich mir täglich eine Spritze in den Körper steche" damit reagierte, dass sie sehr liebevoll sagte: "Ooch nein, Sie werfen sich bitte nicht vor einen Zug. Das wollen wir nicht, dass sie das tun." Ohne diese Warmherzigkeit hätte sich vermutlich mein Streuben wesentlich länger gehalten. So aber habe ich mich schon nach ein paar Tagen Bedenkzeit bei ihr gemeldet, um Termine auszumachen, für ein Spritzentraining.

Mittlerweile habe ich die Hürde, mich selbst zu spritzen, hinter mir. Ich wollte gleich beim ersten von vier Terminen da rüber, bloß nicht weiter aufschieben. Die Hürde sollte nicht mehr vor mir stehen.

Die Spritzhilfe, ein Gerät, in das man die Spritze einlegt und bei dem man die Spritztiefe, vorbestimmen kann, ist sehr hilfreich. Die korrekte Spritztiefe ist sehr wichtig, weil man kein anderes Gewebe als das Unterhautfettgewebe treffen darf, da man ansonsten Schaden anrichten würde. Man muss die Spritzhilfe dann nur im 90-Grad-Winkel aufsetzen, entriegeln, abschießen und dann 25 Sekunden warten. Man kommt damit auch alleine an mehr Stellen, als wenn man ohne Spritzhilfe spritzen müsste. Als Feinmotorik-Niete kann ich mir persönlich auch nicht vorstellen, dass ich jemals die korrekte Spritztiefe freihändig herstellen könnte. Was sind 8mm und wann muss ich dafür die Stechbewegung stoppen? Ich würde mch ohne Spritzhilfe täglich schwer verletzen.

Ich habe das Glück, dass ich in den letzten Jahren überhaupt erst Unterhautfettgewebe gebildet habe. Vormals war ich so drahtig, dass die Therapie eine Tortur gewesen wäre oder sogar unmöglich. Ich habe zudem das Glück, dass meine Haut nicht allergisch reagiert. Die Einstichstelle brennt eine Weile (bis zu einer Stunde) und fühlt sich auch noch länger leicht entzündet an. Wie lange genau, weiß ich noch nicht, da ich erst dreimal gestochen habe. Mehr habe ich bislang aber nicht zu beklagen. Das Stechen an sich ist nur wenig spürbar, am Bauch mehr als am Bein und am Po bzw. Hüftspeck am wenigsten. Der Arm ist morgen erst dran.

Es wird sich zeigen, ob das Stechen auch dann noch so wenig schmerzt, wenn mein Gewebe nicht mehr so ungestochen ist, wie bislang. Das hängt vermutlich davon ab, wie lange sich das Entzündungsgefühl an den Einstichstellen hält. So wahnsinnig viele Stellen, in die man stechen könnte, gibt es ja nicht - zumindest nicht im Verhältnis dazu, wie oft man stechen muss.

Die Spritzschulung ist jedenfalls sehr hilfreich. Von der Theorie allein, hätte ich vermutlich einige falsche Stellen gewählt. Die MS-Schwester nannte mir die Grenzen gut und anschaulich und begründete sie. Am Hüftspeck z.B. nicht zu weit zur Rückenmitte, weil da zu viele Nerven verlaufen, am Oberschenkel nur ein kleines Dreieck, das ich mit den Händen abgesteckt habe. Am Po nicht da, wo man drauf sitzt und wo es unhygienisch werden könnte, am Bauch nicht oberhalb des Nabels. Im Buch, in dem die möglichen Stellen eingezeichnet sind, hat sie einiges gestrichen, was man besser nicht wählt.

Gut ist auch, dass es bei der MS-Schwester höchst glaubhaft ist, dass man sie auch später noch jederzeit etwas fragen und bei ihr Hilfe holen kann und sie sich nicht davon gestört fühlt. Das hat man ja leider eher selten, dass medizinisches Personal tatsächlich am Wohlergehen der Patienten interessiert ist. Okay, ihr Arbeitgeber ermöglicht ihr das auch, das muss ich ebenfalls würdigen.

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